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Fachschule Heilpädagogik - mit Teilzeitunterricht -



Fachtag Heilpädagogik mit Format — 
für die Psyche von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung

Erfolgreicher Fachtag Heilpädagogik zum Thema

»Psychische Störungen und herausforderndes Verhalten bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung — Eine Aufgabe für die Heilpädagogik, Psychiatrie und Psychotherapie« 

am 1. Dezember 2015 in der Alice-Salomon-Schule Hannover

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Insgesamt 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Norddeutschland und auch darüber hinaus — darunter nicht nur (angehende) Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, sondern auch (angehende) Heilerziehungspflegende, Ergotherapeutinnen und -therapeuten, Ärzte und Psychologen/Psychologinnen — besuchten den Fachtag Heilpädagogik, den die Fachschule Heilpädagogik der Alice-Salomon-Schule unter Federführung des sehr engagierten und fachkundigen Abteilungsleiters Rüdiger Nienaber am 1. Dezember 2015 veranstaltete. Der Fachtag zum Thema »Psychische Störungen und herausforderndes Verhalten bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung« war schon im Vorfeld auf so großes Interesse gestoßen, dass schließlich statische Gründe (Belastbarkeit der Aula) sowie die Kapazität der zu Workshop-Räumen umfunktionierten Klassenräume den Anmeldungen äußere Grenzen setzten.

Gedankliche Grenzen hingegen wurden durch die Multiperspektivität des Fachtags nachhaltig überschritten. Das Motto des Fachtags hätte, frei nach Kant, daher lauten können: »Habe den Mut, dich deines eigenen diagnostischen Verstandes und eines gewissermaßen achtsamen Gefühls im Hinblick auf den Sinn von psychosozial ›anstößigem‹ Verhalten bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung zu bedienen.« Unter dem Dach eines solchen therapeutischen Menschenverstandes sollten sich, so der Tenor der Veranstaltung, gleichermaßen Fachkräfte aus der Heilpädagogik und Heilerziehungspflege, aus der Psychiatrie und Psychotherapie und weiteren pädagogisch-therapeutischen Berufen vereinen, damit den betroffenen Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung im Kontinuum sogenannten herausfordernden Verhaltens zwischen bloßer Normabweichung einerseits und schwerer psychischer Erkrankung andererseits wirksame Hilfe geboten werden kann.  

Die Realität der heilpädagogischen, der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung sieht jedoch noch weitgehend anders aus, und dies war der Anlass des Fachtags. Dass auch geistig Beeinträchtigte an Depressionen oder Schizophrenie erkranken können, ist — so der Kollege Nienaber — bisher nicht wirklich beachtet worden, weil viele Betroffene ihre Ängste nicht verbal ausdrücken können. Experten gehen davon aus, dass etwa 40 Prozent der geistig Beeinträchtigten auch eine psychische Störung haben. 

 

Der Fachtag begann zunächst mit einem Grußwort unserer Schulleiterin Sabine Sahling und den einführenden Worten von Herrn Nienaber, selbst Psychologischer Psychotherapeut, der als Leiter der Abteilung 4 schon seit langem (über 25 Jahre) maßgeblich in der Fachschule Heilpädagogik der Alice-Salomon-Schule unterrichtet.  

Das eigentliche Programm — » Programmheft: PDF — wurde sodann eingeläutet von zwei Eingangsreferaten:

Prof. Dr. Klaus Hennicke, von Haus aus Diplom-Soziologe und Psychiater sowie Herausgeber der Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für seelische Gesundheit für Menschen mit geistiger Behinderung, thematisierte in seinem Referat psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit Intelligenzminderung aus psychiatrischer Sicht. Er unterstrich das hohe Risiko, bei Intelligenzminderung eine psychische Störung zu entwickeln. Psychische Störungen seien zwar von den (eher sozial definierten) Verhaltensauffälligkeiten zu unterscheiden, lägen aber auf einem Kontinuum, so dass es keine klare Abgrenzung der Zuständigkeiten von Psychiatern und pädagogischen Fachkräften geben könne. Ferner bedauerte Professor Hennicke die Tendenz, bei kognitiv beeinträchtigten Menschen mit psychischer Störung ebendie Beeinträchtigung zu fokussieren, anstatt eine psychische Erkrankung als so ›normal‹ zu betrachten und zu therapieren wie bei jedem nicht beeinträchtigten Menschen auch.

Prof. Dr. Georg Theunissen, der den Lehrstuhl für Geistigbehindertenpädagogik und Pädagogik bei Autismus an der Universität Halle-Wittenberg innehat, referierte anschließend zum Thema »Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Lernschwierigkeiten oder komplexer Behinderung aus heilpädagogischer Sicht«. Er problematisierte zunächst den aus dem Amerikanischen stammenden Begriff des herausfordernden Verhaltens (challenging behavior bzw. behaviors), grenzte ihn dann aber ab von noch weniger adäquaten Parallelbegriffen (Verhaltensauffälligkeiten, originelles Verhalten, Verhaltensstörungen, Verhaltensprobleme, Problemverhalten). Dem voreingenommenen Blick auf unverstandenes »störendes« Verhalten setzte er die Perspektive der in Deutschland maßgeblich von ihm entwickelten, an Stärken orientierten sog. Positiven Verhaltensunterstützung entgegen, die bevorzugt in der Einzelfallhife zum Einsatz kommen soll. Die Positive Verhaltensunterstützung wiederum basiert auf der amerikanischen Strategie der (nachweislich wirksamen) Positive Behavior Supports (PBS); demzufolge sind herausfordernde Verhaltensweisen in der Regel erlernt, haben einen kommunikativen Sinn und sollten meist in Bezug auf die jeweiligen Kontextfaktoren funktional interpretiert werden. Eben hier hat die Heilpädagogik Theunissen zufolge noch vor dem Hinzuziehen psychiatrischer und psychotherapeutischer Unterstützung ein weites, durchaus auch präventiv bedeutsames Betätigungsfeld, auch im Sinne der Verhinderung oder Minderung der Entwicklung einer regelrechten psychischen Erkrankung. Der Blick richte sich dabei eben nicht nur vordergründig auf das Problemverhalten selbst und dessen unmittelbare Auslöser, sondern auch auf hintergründige Ereignisse, Kontextfaktoren.

Im Anschluss an diese Eingangsreferate gab es eine angeregte Diskussion, an der sich auch das Plenum beteiligte.

Das weitere Programm war so organisiert, dass es sowohl vormittags als auch nachmittags je eine Workshop-Phase gab — die Fachtag-Teilnehmer konnten also insgesamt zwei verschiedene Workshops besuchen:

  • W 1: Professor Theunissen vertiefte in seinem Workshop die Darstellung der Positiven Verhaltensunterstützung auch anhand von Fallbeispielen.
  • W 2: Professor Hennicke problematisierte den skeptischen Blick auf die »harte« Realität psychischer Erkrankung bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung aus psychiatrischer Sicht.
  • W 3: Dr. Heike Lubitz vom Institut für Sonderpädagogik der Universität Hannover stellte Bildungs- und Unterstützungsangebote vor, die Mitarbeitern und Bewohnern, etwa im Kontext eines Wohnheims, dabei helfen können, mit zunehmend dementen Mitbewohnern umzugehen. 
  • W 4: Henning Michels, Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut, Leiter des psychologischen Fachdienstes im Integrierten Gesundheitsdienst Neuerkerode der Lukas-Werk Gesundheitsdienste GmbH, beschäftigte sich mit Möglichkeiten der Psychotherapie bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. 
  • W 5: Die Diplom-Psychologin Marlene Andress, Leiterin einer Fachakademie für Heilpädagogik und einer Fachschule für Heilerziehungspflege in Augsburg, setzte sich mit den Möglichkeiten und Grenzen heilpädagogischer Diagnostik auseinander. 
  • W 6: Für die kurzfristig erkrankte Frau Jofer-Ernstberger sprang dankenswerterweise Frau Andress' Kollegin Heike Brendemühl ein und gestaltete einen Workshop zur heilpädagogischen Spieltherapie.
  • W 7: Dr. med. Mark-Michael Theil, Chefarzt des Integrierten Gesundheitsdienstes Neuerkerode der Lukas-Werk Gesundheitsdienste GmbH, setzte sich mit den z. T. erschreckenden Implikationen der Pharmakotherapie (Medikamentenwechselwirkungen, Überdosierungen etc.) bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung sowie angemessenen psychiatrischen Strategien (von der Diagnostik bis zur Therapie) auseinander.
  • W 8: Der Diplom-Psychologe Dr. Joachim Kutscher zeigte den tieferen Sinn herausfordernden Verhaltens als Grundlage für konstruktives Handeln.
  • W 9: Der Workshop des ebenfalls kurzfristig erkrankten Jochen Micknat wurde nachmittags dankenswerterweise von Klaus Kokemoor (Diplom-Sozialpädagoge und ursprünglich Erzieher mit Schwerpunkt Heilpädagogik, nun tätig in der Hannoveraner Ambulanz für autistische Kinder) übernommen, der »Marte Meo«, eine Methode der Erziehungsberatung, in ihrer Eignung als unterstützende Beratungsmethode bei herausforderndem Verhalten illustrierte.

Aufgelockert wurde der Tag von einer großzügigen Mittags- und Kaffeepause, in der man sowohl in der Cafeteria wie auch in einigen erfolgreich zu Kaffeestuben umfunktionierten Klassenräumen zwanglos miteinander ins fachliche Gespräch kommen konnte. Die Beköstigung mit Erbseneintopf hatte die Hannoveraner Kulturwerkstatt Süd (unter Mitarbeit von Menschen mit Beeinträchtigung) übernommen. 

In einer Abschlussrunde am Nachmittag gab es schließlich Berichte aus den Workshops, so dass alle Teilnehmenden sich ein Gesamtbild von den inhaltlich ineinandergreifenden Perspektiven auf die Thematik machen konnten. Herr Nienaber sprach den Referenten jeweils mit ›blumigen‹ Grüßen seinen Dank aus.

Besonderer Dank gebührt aber auch den zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Alice-Salomon-Schule, die diesen furiosen Fachtag Heilpädagogik erst möglich gemacht haben, allen voran Frau Günther aus dem Büro, die mit außergewöhnlichem Organisationstalent und Umsicht die Aufbauaktivitäten und den Ablauf dirigierte. Ebenfalls eine große Bereicherung stellte die Tätigkeit vieler engagierter Schülerinnen und Schüler der Klasse 12 D der Fachoberschule Gesundheit und Soziales, Schwerpunkt Sozialpädagogik, dar, z. B. bei der Essensausgabe, in der Garderobe etc.

Wir freuen uns über den gelungenen Fachtag!

 

Dorothea Goller
für das Bildungsgangteam Heilpädagogik
der Alice-Salomon-Schule Hannover


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